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Süddeutsche Zeitung Samstag/Sonntag 11/12 Oktober 2008
Seelsorger der Unsichtbaren
Alberto Martinez Millan kümmert sich um Menschen, die illegal in München leben
Von Monika Maier-Albang

Alberto Martinez Millan hat schon oft Menschen im Gefängnis besucht, unbescholtene Menschen, die sich nichts anderes zu Schulden kommen ließen als ein Leben in Deutschland ohne gültige Papiere. Von diesem einen Besuch aber ist ihm ein Satz so genau in Erinnerung geblieben, weil er das ganze Elend auf den Punkt bringt. Der Mann, den Pfarrer Martinez aufsuchte, hatte sieben Jahre in München gelebt, hatte seinen Lebensunterhalt bestritten, indem er Malerarbeiten erledigte. Gerade als er mit einem Farbeimer in die U-Bahn einsteigen wollte, stoppte ihn eine Polizeistreife in Zivil. Abschiebehaft! Und als Pfarrer Martinez nach Stadelheim kam, sagte der Mann doch tatsächlich: „Jetzt bin ich sicher, jetzt bin ich ruhig."


Diese Menschen, berichtet der Pfarrer, „leben immer in Angst". Angst vor dem Entdecktwerden, Angst davor, krank zu werden. Es gibt für sie kein Krankengeld, kein Urlaubsgeld, keine Sozialversicherung. Wenn sie zu ihm kommen in das Pfarrhaus im Westend, haben sie oft nur das, was sie am Leib tragen: eine Hose, ein T-Shirt. Dann führt der Pfarrer sie die alte Holztreppe hinauf zu dem Schrank, in dem er Kleidung aufbewahrt. Damit die Menschen zumindest nicht frieren müssen. Mitte der 90er Jahre klopften pro Woche vier, fünf Hilfesuchende an seine Tür. Seit vor einigen Jahren für viele Länder Lateinamerikas die Visum-Pflicht eingeführt wurde, kommen wesentlich weniger. Doch einige Hundert sind es immer noch; manche leben seit fast zwei Jahrzehnten ohne Aufenthaltsstatus, also von Rechts wegen illegal in München.

Die meisten kommen aus Peru, aus Ecuador oder Bolivien. Oft landeten sie nach einer Odyssee über Holland oder die Türkei in München und erbaten schließlich Hilfe beim Pfarrer der spanischsprachigen Mission, der ihre Sprache verstand. Und ihre Notlage.

Diese Aufgabe, sagt der 68-Jährige, habe er sich nicht ausgesucht. Sie ist eher über ihn gekommen. Er konnte sie ja schlecht abweisen, die Hungrigen und Beladenen. Der aus Madrid stammende Martinez kam 1974 nach München, als Theologiestudent. Dann ist er geblieben, weil zu der Zeit die ersten angeworbenen Gastarbeiter aus Spanien kamen und man einen Seelsorger für sie brauchte. Ende der 80er Jahre wuchs die Gemeinde stark wegen des Zuzugs aus Lateinamerika, Menschen mit und ohne Papiere. Inzwischen hat die spanischsprachige katholische Gemeinde rund 12 000 Mitglieder. Und der Pfarrer blickt im Gottesdienst immer wieder auf Menschen, die offiziell nicht hier sein dürften. Die Polizei hat ihn bislang nicht behelligt und die Kirche als Schutzraum respektiert. Nur einmal waren Beamte da, in freundlicher Absicht. Die Pfarrei Maria Heimsuchung, wo die spanische Mission untergekommen ist, hatte örtliche Kontaktbeamte nach der Fronleichnamsprozession zum Frühstück eingeladen. Doch weil ihr Auto vor der Kirche parkte, machten einige Gottesdienstbesucher erschrocken kehrt.

Weil die Menschen, die Martinez umsorgt, gezwungen sind zu einem Leben im Verborgenen, hat der Pfarrer beschlossen, sich für sie sichtbar zu machen. Nur für sie, sagt Martinez, habe er die Auszeichnung angenommen, die der Katholikenrat der Region München ihm am Freitagabend übergeben hat: die Pater-Rupert-Mayer-Medaille für vorbildliches ehrenamtliches Engagement. Zusammen mit dem 68-Jährigen wurde auch ein Mitglied der Pfarrei St. Ludwig geehrt, David Schöpf, für den kreativen Internet auftritt der PfarrJugend.

Wie viele Menschen in München ohne gültige Papiere leben, ist unklar. Von bis zu 50 000 ging man noch vor einigen Jahren aus, doch Rudi Stummvoll vom Flüchtlingsamt der Stadt hält diese Schätzung für zu hoch angesetzt. „Beachtlich" sei die Zahl in jedem Fall. Es sind Menschen, sagt Martinez, „die aus purer Not hierherkommen". Wer sonst würde seine Kinder bei Verwandten zurücklassen und sich allein in der Fremde durchschlagen, wie viele Frauen das tun. Immer seien sie dabei einem doppelten Druck ausgesetzt: Sie müssen das Geld aufbringen, das sie sich von Verwandten für die Flucht geliehen haben, und gleichzeitig der Erwartung der ganzen Familie gerecht werden, die zu Hause auf Unterstützung hoffen. „Dabei verdienen die meisten hier selbst kaum genug zum Leben. " Frauen, die als Hausangestellte unterkommen, haben es in der Regel vergleichsweise gut, weiß Martinez. Die meisten Familien, die sie beschäftigen, seien mitfühlend, würden zum Verdienst noch das ein oder andere abgelegte Kleidungsstück drauflegen. Doch die Männer, die oft in der Gastronomie oder am Bau unterkommen, würden ausgebeutet. Einem italienischen Gastwirt aus Germering hat der Pfarrer jüngst erst einen Besuch abgestattet. Und weil Martinez kein polternder Don Camillo ist, sondern ein besonnener Mensch, hat er ihm ruhig ins Gewissen geredet. Zweimal musste er hingehen. Am Ende hat der Wirt seinem Mitarbeiter zumindest die Hälfte des ausstehenden Lohns gezahlt.


Und doch weiß der Pfarrer: „Wir können nicht alle Probleme lösen, schon gar nicht die Notlage in den Herkunftsländern." Was bleibt also? „Dort helfen, wo es geht." Und laut sein für die Rechte derer, die sie nicht öffentlich einfordern können. Wünschen würde sich Martinez auch, dass sich seine Kirche stärker zu Wort meldet. In Spanien, sagt er, hätten Menschen ohne Papiere längst ein Recht auf medizinische Versorgung, hier kümmern sich zwar die „Malteser Migranten Medizin" oder Ärzte der Welt um die Illegalen. Aber die Anlaufstellen sind nur geduldet, eine Sicherheit gibt es nicht. Auch für die Kinder der Illegalen sei ein Rechtsanspruch auf Schulbildung überfällig. Momentan sind sie auf das Wohlwollen eines Schuldirektors angewiesen.










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